• Mateja Meded

Nazi-Enkel:innen haben die Verantwortung, sich selbst zu enterben

Aktualisiert: 1. März 2021

(Berliner Zeitung//27.02.2021)

Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah haben auf Instagram mit dem Video „Nazierbe, Kapital und Rassismus in Deutschland“ die gleiche Arbeit gemacht, die meine Familie und viele andere Familien mit Migrationsvordergrund in Deutschland zu machen verdammt sind. Die Almans von dem braunen Dreck zu befreien. Metaphorisch könnte man sagen, unsere Vorfahr:innen haben es manuell gemacht, in privaten Wohnungen, Großraumbüros usw. und wir machen es geistig, in Kunst- und Kulturräumen. Wir, die Menschen mit Migrationsvordergrund, müssen die Almans immer wieder daran erinnern, dass sie die Menschen mit Nazihintergrund sind, weil sie es anscheinend immer wieder vergessen.

Dieses Malheur ist auch Emilia von Senger passiert, die einen großen Buchladen aufgemacht hat, von dem Geld ihres Erbes, in einer Wohngegend, die gerade vollkommen gentrifiziert wird und in der viele Einwohner:innen darum kämpfen, nicht aus ihrer Wohnung geschmissen zu werden (She Said am Kottbusser Damm 79, d. Red.) Das Ganze wäre nun kein großes Ding gewesen, wenn der Buchladen nicht mit der Penetranz eines öffentlichen Heiratsantrags Marketing gemacht hätte, nur feministische und queerfeministische Bücher zu verkaufen, ohne dabei zu erwähnen, woher genau das Kapital für diesen Laden stammt. Die Feuilletons, die in großer Zahl berichteten, haben sich ebensowenig für diese Frage interessiert.

Zuerst war ich überglücklich, dass es einen Raum gibt, der für mich und viele meiner Freund:innen ein Safe Space sein sollte, bis ich anfing, mir Fragen zu stellen. Die Kontinuität des Kapitals ihrer Familie ist dabei besonders interessant, denn dort lässt sich gut beobachten, wie in Deutschland Hard Power in Soft Power um- gewandelt wird und wie die Enkel:innen von aktiven Nazis heute in Machtpositionen der Kunst und Kulturwelt sind. Die von Sengers hatten über Generationen Hard Power, diese Macht beruht auf militärischen Ressourcen.

Die Entnazifizierung hat in Deutschland nicht wirklich stattgefunden

Fridolin von Senger und Etterlin (1891-1963) kam nicht nur aus dem Adel, sondern war auch Oberst, als er mit seinem Regiment am Überfall auf Polen teilnahm. Er stieg in der Nazizeit weiterhin auf, bis zum Kommandierenden General des Korps. Er war keiner, der mitlief, er war ein aktiver Nazi, ebenso sein Sohn. In der Nachkriegszeit war Senger 1950 maßgeblich an der Ausarbeitung der Himmeroder Denkschrift beteiligt, die zur Wiederbewaffnung und zur Gründung der Bundeswehr Deutschlands führte. Schon alleine daran merkt man, dass die Entnazifizierung in Deutschland nicht wirklich stattgefunden hat. So viele Läden, Firmen, Banken und Menschen mit Nazihintergrund haben von der NS-Zeit profitiert und deren Enkel und Urenkel haben heute noch Machtpositionen. In Kunst, Kultur, Journalismus, Modeindustrie, Musikindustrie, an Universitäten, in Institutionen usw.

Die Enkel:innen und Urenkel:innen der Nazis wurden nie enterbt und einige verehren ihre Familienmitglieder:innen, die Nazis waren, und bestehen sogar darauf, dass Straßen nach ihnen benannt werden, wie der Unternehmer Michael Stoschek, der in Coburg die Benennung einer Straße nach seinem Schwiegervater Max Brose durchgesetzt hat, ein Mann, der von den Nazis als „Wehrwirtschaftsführer“ geehrt wurde. Die Kinder, Enkel:innen und Urenkel:innen tragen keine Schuld für das, was passiert ist, aber sie haben eine große Verantwortung, der einige nicht gewachsen sind. Geboten wäre, sich selbst zu enterben und zu entnazifizieren, weil es die deutsche Regierung bis heute nicht vollkommen gemacht hat.

Emilia von Senger will im Gegensatz zu den Stoscheks keine Straße nach ihren Opas benennen, sie will die Welt durch Literatur queerfeministischer machen. Was auch mein Anliegen ist. Nachdem das Video von Hilal und Varatharajah viral gegangen ist, hat Emilia auf Instagram das gemacht, was ihr als einziges übrig blieb, sich ordentlich entschuldigt, den beiden Gespräche angeboten und sich zum Erbe öffentlich geäußert: „Ich sage also nicht, dass dieses Geld schuldfrei ist. Mit Sicherheit nicht. Für mich ist She Said ein Gegenentwurf zu allen Werten, für die die drei Großväter standen. Und selbst wenn ich euch keine vollständige Transparenz zu den Ursprüngen des Geldes, das in She Said geflossen ist, geben kann, so war mein Anliegen von Anfang an einen Raum zu schaffen, in dem wir genau solche Gespräche führen können.“

Weiße privilegierte Frauen müssen sich ihrer Privilegien bewusst sein

Wenn man gutmütig ist, könnte man meinen, wie mutig Emilia ist, das alles so öffentlich preiszugeben und wie ehrenwert von ihr, dieses Geld, wo es auch nun herkommen mag, in einen formvollendeten queerfeministischen Buchladen zu stecken. Wenn man sich aber mit intersektionalem Feminismus, rassistischen Machtstrukturen in der Kunst und Kulturwelt sowie Klassismus beschäftigt, wird man stutzig. Weiße privilegierte Frauen können nur Allianzen sein, wenn sie genau wissen, was für Vor- bzw. Nachteile sie mit der bloßen Geburt geerbt haben.

Doch Emilia weiß nicht einmal, wo genau ihr Erbe herkommt. Bevor sie mit ihrem Buchladen gegen diskriminierende Strukturen arbeiten will, sollte sie mal bei sich und ihrer Familie anfangen. Und dem Kapital, mit dem sie diesen Buchladen aufgemacht hat. Wieviel Blutgeld ist in ihrem Erbe drin, wie sehr beruht der Reichtum ihrer Familie heute auf dem Naziregime und den ausbeuterischen Mechanismen sowie der Tötung und Auslöschung von Leben? Wie kann man überhaupt als Feministin, die intersektional und queer denkt, Geld annehmen, das einem nicht zusteht? Denn der deutsche Adel sowie die Nazis haben sich ihren Reichtum durch Zwangsarbeit, Landeroberungen, Unterdrückung, Morde und Stehlen angeeignet. Das sind doch alles Dinge, gegen die Emilia ankämpfen will mit diesem Buchladen – von dem sie am meisten profitiert, weil er ihr gehört.

Wenn nur eine Person bzw. der kleine erlesene und sehr gut kuratierte Dunstkreis dieser Person von einer Sache profitieren, die mithilfe politischer Slogans und Labels marketingrelevant wird, verändert man nicht die Gesellschaft, sondern eher das eigene gesellschaftliche und finanzielle Standing. Als weiße überprivilegierte Frau hat sich Emilia die Themen der Minderheiten angeeignet, die momentan sehr angesagt sind. Sie übt damit Soft Power aus, eine besondere Form der Machtausübung, die auf Vorbildfunktion, Attraktivität und der Vermittlung eigener Normen und Werte basiert. Und auf der Verhinderung größerer Konflikte. Die Macht vollzieht sich bei Soft Power nicht durch das Abschlachten der:des Gegners:in, sondern dadurch, keine Gegner:innen bzw. mehr engagierte Follower:innen als Gegner:innen zu haben.

Frisst die Revolution ihre Kinder, wenn man Emilia kritisiert?

Man profitiert, wenn man hip und beliebt ist, Themen behandelt, die hip und beliebt sind, und wenn man Netzwerke mit Menschen bildet, die ebenfalls in ihren communities hip und beliebt sind. Die Frage, die bleibt: Leben diese Personen das, was sie vorgeben zu sein? Wenn eine Person Theorien vertritt, die eher im linken Spektrum verankert sind, aber zu einem Product Placement in bourgeoisen Kreisen verkommt, um was genau geht es dann dieser Person? Ist es eine Ego-Sache, oder der Glaube, dass der Meister uns doch noch das Werkzeug geben wird, um das Haus des Meisters zum Einsturz zu bringen? Ist der Buchladen die neue queerfeministische Avantgarde, oder frisst die Revolution ihre Kinder, wenn man Emilia neoliberalen Pseudoaktivismus vorwirft?

Die Idee von She Said wäre großartig gewesen, wenn Emilia den Blutgeldteil ihres Erbes genommen hätte, diesen Bücherladen damit aufgemacht hätte und danach gesagt hätte: „Leute, dieser Buchladen ist durch Geld finanziert, das mir nicht gehört, weil es auch schon meinen Vorfahr:innen nie wirklich gehört hat, lasst ihn uns gemeinsam basisdemokratisch organisieren.“ Eine Gesellschaft wird dadurch verändert, dass man die Macht verändert, die Macht dezentralisiert. Um eine gerechte und inklusive Welt in Deutschland zu haben, dürfen nicht nur Menschen mit Nazihintergrund in Machtpositionen sein, die Kontinuität der Herrschenden muss unterbrochen werden, damit sich etwas Neues entwickelt, sonst bleibt intersektionaler queerer Feminismus nur in der Theorie. Aber wir brauchen Orte an denen wir ihn leben können und diese Orte müssen vorerst postkapitalistische Utopien sein, denn der Kapitalismus, so wie wir ihn jetzt leben, unterjocht Frauen und Minderheiten, und besonders Frauen, die aus Minderheiten kommen.

She Said hätte so ein utopischer Ort werden können, aber es gibt kein wahres Leben im Falschen. Dieser Buchladen wurde höchstwahrscheinlich durch ein Erbe aufgezogen, dessen Reichtum im Zusammenhang mit dem NS-Regime steht. Es ist auch schwierig, wenn Feminist:innen, besonders diejenigen, die zu Minderheiten gehören, hier aufhören, Kritik zu üben, denn der queere + intersektionale Feminismus sollte immer ganzheitlich denken und nicht seinen Radius auf das eigene Wohl beschränken. Denn dann haben wir das Patriarchat wieder, bloß mit gutvernetzten Frauen, die einen schön geordneten Instagram Account haben, sowie ein kapitalistisches Lächeln und die feministischen -ismen auswendig gelernt haben. Eine Diskussion über intersektionalen und queeren Feminismus ist nicht möglich ohne die Einbeziehung von Klassismus und gesellschaftlicher Machtstrukturen.